IL PASSO DELLA FUTA - The Futa Pass
Die ersten historischen Hinweise auf eine Straße, die über den Apennin führte, gehen auf die Römerzeit zurück. Bereits Hannibal war es 217 v. Chr. gelungen, dieses Gebirge zu überschreiten. Titus Livius berichtet später in seiner ausführlichen Geschichte Roms, dass Konsul Gaius Flaminius, nachdem er die Apenninvölker “besänftigt” hatte, im Jahre 187 v. Chr. von seinen Legionären eine Straße bauen ließ, die eine Verbindung zwischen der Ebene jenseits der Berge und Arezzo herstellen sollte. Eine Straße also, die aus Militärgründen geschaffen wurde, nicht sehr breit (knapp vier oder fünf Arm), aber voll geschottert, so dass die Wagen auch fünfzehnprozentige Steigungen überwinden konnten. Flaminio Minor war der lateinische Name dieses neuen Verkehrsweges. Von dieser Straße verlor sich im Laufe der Jahrhunderte jedoch jede Spur. Vernachlässigung, Naturereignisse, Zerstörung durch Menschenwerk, viele Faktoren haben zu ihrem Verschwinden beigetragen – bis vor wenigen Jahren. 1977 haben dann zwei Bologneser, Cesare Agostini und Franco Santi, damit begonnen, nach ihr zu suchen, indem sie sich auf die spärlichen Hinweise stützten, die aus Livius’ Geschichtswerk hervorgingen. Einige Abschnitte, so meinten sie, vor allem an den unzugänglicheren und vom Menschen weniger benutzten Stellen, mussten sich, wenn auch verschüttet, erhalten haben. Und so war es auch. Nach vielen Grabungen und Bodenschürfungen diesseits und jenseits des Bergkamms, immer auf der Suche nach behauenen und präzise aufgereihten Steinen, haben sie 1979 unter dem Gipfel des Monte Bastione mehr als einen halben Meter unter der Erde einen ersten, acht römische Fuß langen Abschnitt der Pflasterung wieder gefunden. Das Ergebnis nach über zwanzig Jahren Arbeit: zahlreiche Abschnitte der Straße, die ans Licht gefördert wurden und zur Besichtigung freigegeben sind, und ein Buch “Die Straße Bologna–Fiesole im 2. Jahrhundert v. Chr. (Flaminio Militare)”. Insgesamt eine archäologische Entdeckung, die von der Bedeutung der Verkehrsachse Florenz-Bologna schon in frühesten Zeiten zeugt.


Obwohl die Flaminia Minor nicht mehr benutzt und in Vergessenheit geraten war, erlebte das Transport- und Kommunikationswesen dennoch keinen Stillstand. Der heutige Verlauf der Staatsstraße 65 ist bereits kurz nach dem Jahr Tausend nachgewiesen. Neben dem Handelsaustausch machten auch andere Gründe, wie Pilgerreisen und die Rundstrecke des Grand Tour, den Raticosa-Pass zu einer Kontaktstelle nicht nur zwischen Florenz und Bologna, sondern auch zwischen Rom und Europa. Etwa anlässlich des von Papst Bonifatius VIII. ausgerufenen Heiligen Jahres 1300, als die Straße wegen des beachtlichen Pilgerstroms den Namen “Romea“ annahm.
Aber diese Orte und Wege waren auch Schauplatz anderer Ereignisse – irdischer und überirdischer Art. Da ist zum Beispiel die Geschichte mit dem hl. Zanobius, Bischof von Florenz, der es mit dem Teufel persönlich aufnahm. Der Wettstreit bestand darin, wer von beiden imstande wäre, einen riesigen Steinblock bis zum Pass hinauf zu befördern. Die Wette gewann der Heilige, der die Pietramora (heute Sasso di San Zanobi) bis ganz in die Nähe des Raticosa-Passes schob. Belzebub dagegen schaffte es nicht. Der Stein entglitt seinen Händen, rollte zu Tal und zersprang in tausend Stücke, die Maltesca, die man noch im oberen Idice-Tal sehen kann. Das alljährlich am ersten Sonntag im Juli gefeierte San Zanobi-Fest erinnert mit einer kirchlichen Feier an den „Santo al Sasso“ und an eine mutmaßliche Begegnung mit dem Bischof von Mailand, dem hl. Ambrosius, im Jahre 400. Bis vor dem Ersten Weltkrieg existierte auch eine kleine Kapelle, die dem Florentiner Bischof geweiht war und beim Durchmarsch der Front dann zerstört wurde.

Dass in dieser Gegend Geister herumspukten, das haben, zumindest bis vor rund hundert Jahren, die „Fuochi di Pietramala“ bewiesen, die in alten Zeiten die Phantasie der ansässigen Leute anregten und über die man alle möglichen Vermutungen anstellte. Alessandro Volta lieferte im September 1780 eine wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen, als er durch ein Experiment bewies, dass das aus dem Feuer ausströmende Gas das gleiche war, das er zwei Jahre zuvor in Angera am Comersee untersucht hatte.


Aber die Reisenden, die aus ihrem Wagen in den Winternächten sahen, wie aus den Berghängen Flammen emporstiegen, haben diese positivistische Version nie akzeptiert. Viele Jahrhunderte lang glaubte man, dass es sich bei dem glühenden Boden um den Schlund eines tief im Erdinnern verborgenen Vulkans handelte. Giovanni Targioni-Tozzetti erzählt, dass man früher rund um die Flammen Goldmünzen, heidnische Idole und Amulette gefunden hat, die von den Wanderern vermutlich dorthin geworfen worden waren, um die Geister versöhnlich zu stimmen. Tatsächlich galten die Vulkane als Höllenspalte, und die Münzen waren für die Seelen der Verstorbenen bestimmt, damit sie den geizigen Charon bezahlen konnten. Seit man jedoch vor etwa hundert Jahren damit begonnen hat, Bohrlöcher für die Gewinnung von Erdöl und Erdgas anzulegen, hat man keine Flammen mehr gesehen. Es war – nach einer Definition von Volta – also doch „die brennbare Luft, die in Sümpfen entsteht“, mit anderen Worten, Erdgas, das aus den Spalten lehmiger Böden entwich und sich bei Gewitter durch den Blitzschlag entzündete. Zumindest sieht es so aus.

Aber die Futa erzählt uns noch andere Geschichten. Zum Beispiel die von der Äbtin Lucia, der später selig gesprochenen Beata Lucia da Settefonti. Eine romantische Legende berichtet, dass Lucia nach ihrem Tod ein Wunder vollbrachte, indem sie einen jungen Bologneser Adligen aus der Gefangenschaft im Heiligen Land rettete. Der Jüngling kletterte gewöhnlich den unwegsamen Bergkamm hinauf bis zum Frauenkloster Santa Cristina, um die Nonne während der Liturgiefeiern sehen zu können.
In den folgenden Jahrhunderten änderte sich der Verlauf der Straße. Die Lothringer und Napoleon, die Päpste und Großherzöge der Toskana, alle haben sie den Weg irgendwie umgeleitet und ihren eigenen Interessen angepasst. Zwischen 1715 und 1717 wurde die Straße auch einmal restauriert, und bis Pianoro konnte man in der schönen Jahreszeit mit dem Wagen fahren, danach war sie nur für „Reittiere und Karren“ geeignet.

Die Futa war stets eine viel bereiste Straße. Auch Päpste wie Pius II., Pius VII. im Jahr 1805 auf seiner Rückkehr von Paris, wo er Napoleon gekrönt hatte, und Pius IX., der 1857 von einer enttäuschenden Reise in die Legationen zurückkehrte, benutzten sie. Viele Reisende hielten ihre Erinnerungen in ihren Schriften fest: Casanova, der Marquis De Sade, De la Platerie, Da Ponte (der Librettist von Mozart), Stendhal, Fürst Metternich und Goethe, der von der Locanda erzählt, in der er auf seiner Italienischen Reise Rast machte.

Das vergangene Jahrhundert brachte die großen Kriege mit sich, und im Zweiten Weltkrieg verlief hier die so genannte „Gotenstellung“. Alle Orte an dieser „Grünen Linie“ wurden ausnahmslos beschossen, und in den Tälern hallten die Gewehr- und Mörserschüsse wider. Zeugnisse dieser Tragödie sind der Deutsche Militärfriedhof und die über dreitausend Toten, die dort ruhen.

In jüngerer Zeit wurde die Futa dann Schauplatz von Fahrradrennen und Autorennen wie die Mille Miglia. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fuhren hier Moss und Villoresi, aber auch Radfahrer, die diese Straße als Übungsstrecke benutzen, wie Gino Bartali und Gastone Nencini, die sich hier wie zu Hause fühlten. Bis hin zu Gianni Bugno, der 1991 eine der schwierigsten Etappen dieses Bergrennens gewann.
Die Flaminia Minor schaut sich alles an und schweigt. Auch die Topomastik hat sich immer wieder gewandelt. Manche nennen sie Via degli Dei, Straße der Götter. Wie auch immer, jede Kurve ist ein Stück Geschichte.